Weg zur Mitte

aktualisiert am 3.10.2016

Malen als Weg zur Mitte

Inhaltlich sind viele meiner Bilder Zeugnisse eines errungenen Individuationsprozesses, zeigen Bewusstseinsstationen und Wandlungsstufen auf dem Weg zum Selbst. Durch die aktive Auseinandersetzung mit den inneren Gestalten und Prozessen weichen die Gefühle hilflosen Ausgeliefertseins an scheinbar übermenschliche Kräfte im Inneren, machen der bewussten Selbststeuerung und Lebensgestaltung Platz. Vor vielen Jahren durchlebte Phasen von Krankheit und Einschränkung, in denen ich den inneren und äußeren Umständen hilflos ausgeliefert war, waren für mich ein Sprungbrett in andere Bewusstseinsebenen. Mit der Zeit drängt diese innerlich erlebte Wirklichkeit immer stärker nach außen, ich ringe um Sammlung, Ausdruck und Verarbeitung in Wort und Bild, in Gesang und Tanz.

 Der kreative Prozess ist auch eine große Hilfe beim Verarbeiten und Umwandeln emotionaler Pakete aus der Vergangenheit. Manchmal erlebe ich mythologische Themen oder rituelle Einweihungen in ein neues Kraftpotenzial live, wie in meinen Bildern Danae, Ägyptische Einweihung‚ Balance of Independence, Mysterium, Hommage an die Lyra  oder Tanze deinen Traum wach! zu sehen und zu spüren ist. Die frischen, psychisch noch in mir vibrierenden Eindrücke fügen sich unmittelbar zu einem Bild zusammen, oft begleitet von spontanen Liedern, Gebeten, Tänzen, die ihren Niederschlag auch im Bild finden, manchmal verborgen unter der Farbe.

Die Berührung mit Kunst erfahre ich an mir als ganz machenden, heilsamen Prozess. Der mächtige, tief greifende Einfluss von Kunst auf die Seele ist bekannt. Die Wurzeln des Kunstschaffens sind schon immer eng verknüpft gewesen mit den spirituellen, religiösen, magischen und metaphysischen Bereichen der Menschheitsgeschichte. Wie jeder geistig wache Künstler an sich selbst erfahren kann, wirken Kunstwerke, Klangfarben und -formen klärend und erweckend auf den Geist, strukturierend und orientierend auf die Psyche, bildend und erweiternd auf das Bewusstsein.

Im Sommer 1978 wurde ich gleich nach meinem Yoga-Training auf den legendären Berg Monte Verità  („Berg der Wahrheit“) im Tessin geführt, auf dem anlässlich einer Ausstellung ein spontanes dreitägiges Festival entstanden war. In dieser inspirierenden, von Künstlern geprägten Atmosphäre wurde mir sehr schnell klar: Eine ‚Neue Welt’ kann nur von ‚Neuen  Menschen’ erschaffen werden, von Menschen, die bereit sind, mitsamt ihren  alten Denkstrukturen und emotionalen Programmen durchs Feuer der Läuterung zu gehen. Das Stirb- und Werde- Thema bzw. die dauernde Selbsterneuerung ist  zum Grundton meiner Seinserfahrung geworden. Erfahrungen von Disharmonien im Seelen- wie im Körperhaushalt führen mich  immer wieder an Schwellen und weiter in neue Bewusstseinsräume hinein, in ein neues Licht der Selbstbestimmung und der schöpferischen Hingabe – eine nicht enden wollende  Bewusstseins- und Transformationsarbeit.

Ist es in diesem Sinne nicht legitim, die heilsamen Aspekte der Kunst und des Kunstwerks besonders zu erwähnen, ihren ausgleichenden oder reinigenden Einfluss auf die Psyche? Künstler sind heute auch in unserem Kulturkreis wieder als Heiler und Schamane tätig, als Medizinmann und Medizinfrau, bieten Heil-, Energie- und Kraftbilder an, womit der Kunst und dem Kunstwerk der elitäre Charakter genommen wird. HeilKunst – das kann die Berührung mit Kunst und Kreativität in Kliniken sein, in Schulen, im Büroalltag, in kulturellen Grauzonen der Öffentlichkeit. HeilKunst kann natürliche Kunst-Therapie sein für jeden, der seine emotionalen Datenbänke reinigen, transformieren, löschen will. Das Kunstwerk ist hier der Mensch selbst. Die Alchemisten aller Zeiten und Kulturen nennen diesen Prozess  der psycho-mentalen Transformation und des Aufbaus eines feinstofflichen Körpers opus magnum, das Grosse Werk. Auch diese alchemistischen Entsprechungen sind in meinen Bildern festgehalten.

Das althochdeutsche Wort ‚Heil’ ist heute eher mit Negativ-Schwingung behaftet. Menschen gehen davon aus, dass sie krank sind, Defizite und Mängel haben. Sie rufen nach Heilern und Heilmethoden, die ihnen das Heil bringen sollen. Wer weiß und erlebt schon, dass er in Wahrheit heil (ganz)  i s t  und das Heil-Land in der schöpferischen Zellintelligenz seines Körpervehikels verborgen liegt! Kunstwerk und kreativer Prozess können heilsam wirken im Sinne von Harmonisierung, Verfeinerung, Zentrierung und Integration. Durch die Schönheit und Erhabenheit von Bildern, Worten, Klängen, Farben, Gesten stellt der Mensch leichter eine bewusste Beziehung zu den erhabenen Anteilen seiner Seele und seines inneren Wesenskerns  her. Das Geheimnis aller wahren Künste liegt darin, dass sie den Menschen in die Nähe seines ursprünglichen Wesens trägt, dass sie die Erinnerung weckt an eine feinstoffliche Wirklichkeit, von der sich der Mensch angezogen fühlt und den nächsten Schritt zur feinsten Ausgestaltung seines Wesens offenen Herzens vollzieht.

Des Menschen größtes Werk und Kunstwerk ist die Entfaltung (s)eines Bewusstseins  und die Erschaffung eines feinstofflichen Wahrnehmungskörpers. Dieser schöpferische Prozess kreativer Menschen wirkt sich gleichzeitig auf kultureller und gesellschaftlicher Ebene aus. Auch die traditionelle Heilkunst, die Medizin, erfordert heute eine ganzheitliche Ausrichtung und eine Verfeinerung im Sinne von „Weg mit den Metzgern, her mit den Heilern“ (*). Grobstoffliche Wirklichkeit und Kultur sind bereits etabliert. Die kollektive Kultur reproduziert sich nur noch, statt sich zu verfeinern. Es liegt nun an den Künstlern aller Art, die Werte und den kulturellen Ausdruck auf feinstofflichen Ebenen zu initiieren und bis in den mentalen und ätherischen Bereich hinein zu verfeinern.

(*) Zitat Norbert A. Eichler in "Das Buch der Wirklichkeit", rororo transformation, 1990




Auferstehung, ägyptisch, 2001
(C) Sundra Kanigowski



(C) Alle Bilder Sundra M. Kanigowski