Traumspuren

C: Sundra Kanigowski

Vom Herrn Animus,
der mich jahrzehntelang zum Narren gehalten hat,


den ich verehrt habe,
auf den ich gehört habe,
mit dem ich gestritten, gerungen
und gepokert habe um meiner Weiblichkeit willen,
um den ich gebuhlt habe, seine Bettgenossin sein zu dürfen - 
die Einzige, Ewigliche - 
um den ich getrauert habe,
wenn er im mir vertrauten Gewande nicht mehr heimkam,
auf den ich nächtelang
sehnsuchtsvoll
am offenen Fenster gewartet habe,
mit dem ich durch Nadelöhre, alchemistische Entwicklungsbäder,
Schlüssellöcher und enge Geburtskanäle wirbelte,
der mir den Guru-Kuss schenkte,
durch den ich die
 leuchtende Stille meiner Mundhöhle
erfahren durfte,
den ich mit Hingabe pflegte und aufpäppelte,
wenn er als schwaches, blasses Jüngelchen
– kaum auf der Straße –
schon kollabierte,
den ich in seinem Schwulsein achtete,
der mir als Pan lustvolle Wonneschauer
 und Stromstöße durch die Energiezentren jagte,
mit dem ich nächtelang
durch Dantes ‚Göttliche Komödie’
tanzte
,
vor dem ich nächtelang davonlief,
aus Turmfenstern und in Wasserfälle sprang,
wenn er in der Gestalt des
Schwarzen Mannes

mich zum Tanz aufforderte,
mit dem ich in wildester Fahrt im Mini Cooper
die Serpentinen nahm und noch
ein paar zusätzliche Linksschleifen am Abhang drehte,
der mich im heißen Wüstensand allein ließ,
 mich nicht rettete, als die Zeit über mir zusammenschlug
und mich begrub,
der sich selbst einmauerte,
um mir Zeit zu geben, sein Wesen zu ergründen,
der mir vom Garten aus bei meiner
Luftakrobatik und Himmelsstürmerei zusah,
der mich zu abenteuerlichen Flügen
auf sagenhaften Tiergefährten
durch Luftmeere, Ätherwasser, Erdlöcher und Vulkane einlud,
mir auf dem fliegenden Krokodil seine Feuer-Wunderwaffe vorführte,
indem er unter Lachsalven ebensolche Salven
seines Logos spermatikos in Form von
Sanskrit-Buchstaben aus dem Krokodilsrachen abfeuerte,
der mich immer wieder aufs Neue
durch seine sprachliche Brillanz beeindruckte,
mich zum Studium alter Sprachen und Zeichen herausforderte,
 mit denen ich mal spielerisch leicht, mal ernsthaft tief darin eintauchend
die Verständigungshindernisse zwischen Zeitaltern,
Kulturen, Ländern und Zungen überwinden lernte,
der mich als
flüchtiger Hirsch
verfolgte, als ich mich eigentlich selbst verflüchtigte,
 der mir in der Gegenüberstellung sein wahres Lichtwesen offenbarte,
der mich als alter Hase an meine Meisterkraft erinnerte,
mir aus höheren Dimensionen
reichen Fischesegen ins Sterntaler-Hemdchen regnen ließ,
mir als indischer Junge an der Schwelle das wahre Pranayama beibrachte
und mich Furcht und Ehrfurcht lehrte,
indem er an der Schwelle seine Schlangennatur annahm,
der mir als schwarz gekleideter Patriarch vom Osten
einen fruchtbaren Schrecken einjagte,
als er mit großen Schritten durch die Lüfte
über die Dächer heran eilte,
  durch mein halb geöffnetes Fenster
hauchte

und mir fast den Atem nahm,
der sich hinter Gardinen aus Lauchstangen erneuert
und doch im Lichtgewand schon immer neben mir sitzt,
der als Engel schützend seine Flügel um mich legte,
 als die Reise zum Elternhaus des Mannes angesagt war,
der mir bei meinen homöopathischen Selbstheilungsversuchen
 als Hunde-Logos
manchen Tipp und Trip vor die Füße warf,
nach dem ich gierig lechzend schnappte,
der mich auf falsche, eingepflanzte
Chips

 in meinem Hinterkopf aufmerksam machte,
der als Gärtner,
nur in Fellschuhe und Lendenschurz gekleidet,
meine rosa blühenden Geranien auf der Terrasse
mit einem Gartenschlauch bespritzte,
der als mein Fische-Meister, Dichter und
Wortträger
von langer Fahrt über das Meer heimkehrte,
mit seinem Schiff am Ufer vor dem Haus anlegte,
 seinen rechten Fuß auf den Felsen setzte,
was ein gewaltiges Dröhnen und Beben der Erde bewirkte,
von dem die Zeitungen zwei Tage später
als einem starken Seebeben im Mittelmeer
bei der Insel Kythara zu berichteten wussten,
genau dem Ort,
an dem der Sage nach
Aphrodite
aus dem Schaum geboren wurde....
der sich schließlich immer wieder gegen meinen Willen
 die Gesichter
meiner vergangenen, gegenwärtigen
 und zukünftigen Liebespartner ausleiht,
 mich und sich zum Narren haltend,
sich selbst in meinen Gefühlsduschen
reinigend und erneuernd,
 bis er nur noch als
leerer
 Windbeutel
der Narren-Weisheit
von Nutzen ist,
indem er laufend,
um sich selbst rotierend,
den Wind durch seine nichtsnutzigen Löcher pfeifen lässt,
um auf diese Weise wundersame,
in allen Regenbogenfarben schillernde
Bildblasen zu erzeugen,
ein lustig-luftiges Gedankenspiel für Kinder,
die ihre Freude an den bunten
Blumen- und Trompetenwelten haben,
und der nun sein Spiel mit dem Wind
so weit vorangetrieben hat,
dass ich mich selbst
mit meinen Längs-Quer-Geschossen
im Mond-Mars-Mondknoten-Kreuz
in meinem
vor sein Gesicht gehaltenen Spiegel erkennen kann -
aufgrund des Herrn Animateurs
leeren
  Gesichts,
an dessen Stell’ ein heller Fleck
vom leeren Spiegel zeugt,
und dieser wohl von (m)einer Null und Nichtigkeit,
so dass ich selbst nun darf den Narren laufend halten
durchs ganze Spiel hindurch,
mich endlich selbst lang strecken,
biegen darf
zur Himmelsbrücke
überm Grund
des tosenden Links-Rechts-Verkehrs
 Punkt.


Text: © Sundra Kanigowski