Archetypen/Symbole

aktualisiert am 18.06.2015


Das Symbol- und Archetypengewebe

Die Bildkräfte, die sich mir offenbaren, sind keineswegs nur Anschauungsobjekte. Ich erfahre sie als lebendige, psychische Energien, die unbewusst wirken und einen gewissen Zwang oder Druck auf mich ausüben, mich aktiv mit ihnen auseinander zu setzen. Schicht für Schicht werden diese gespeicherten Bilder hoch geschwemmt, zuerst die persönlichen psychischen Ablagerungen, danach die über lange Zeiträume in Dunkelheit gehüllten kollektiven Erfahrungsbilder, kulturelles und geistiges Erbgut früherer Zivilisationen und noch dahinter liegend Ur-Worte und Ur-Bilder aus mythischen Urzeiten, wo Wort & Bild, Gehörtes & Geschautes noch wahr waren. Drängen diese inneren Wirklichkeitsformen aus den Tiefen des so genannten Unbewussten sich so vehement und zwingend an die Schwelle des Bewusstseins, muss ich einen Weg finden und diese Software gebären, aus mir heraus drücken – sei es zu meinem persönlichen Wohl oder Übel. Oft haben mich die „Einbrüche“ und „Überschwemmungen“ aus der emotionalen kollektiven Datenbank (sprich dem „Unbewussten“) aus der gewohnten Bahn geworfen, mal in einem chaotischen, aber lebendigen Strudel in tiefste Seelenabgründe mitgerissen, mal in lichte klare Geisteshöhen gebeamt. So lege ich selbst mit Hand an, umkreise die energetische Wirkung der Kräfte auf mich in meinem Traumtagebuch, forme, zeichne und male sie, tanze und erfahre sie mit meinem Körper, meiner Stimme, manchmal höre ich sie innerlich. Sie nehmen Einfluss auf mich, wandeln mich auf fundamentaler Ebene – nach einer innewohnenden  Gesetzmäßigkeit, Entsprechung und Rhythmik.  

Seit ich die Werke des Schweizer Psychiaters und Psychologen Carl Gustav Jung studiert habe, fühle ich mich sicherer und vertraut im Umgang mit den Inhalten des Unbewussten, den Archetypen und Traumsymbolen. Viele meiner  Bilder sind Zeugnisse eines kollektiven alten Wissens, stellen archetypisches Erleben oder Prozesse dar: Bewusstseins-, Wandlungs- und Wachstumsstufen auf dem Weg zu mir selbst. Am Bild des Baumes, einem meiner ersten Bilder, möchte ich aufzeigen, wie die meisten Archetypen miteinander verschlungen und verwoben sind und gemeinsam ein dynamisches Feld psychischer Energie bilden, in dem jeder Archetyp ein eigener aktiver energetischer Punkt ist.


Der Baum, 1994
(C) Sundra Kanigowski

Der Baum in der abstrahierten Form des Widder-Symbols (Keimling) drängt als erste energetische Urform aus mir heraus. Geburt. Neues Leben springt aus dem mütterlichen Schoß der Erde, sprengt die schützende Umhüllung des Samens, behauptet sich, strebt mit offenen Armen zum Licht. Die Eins des Stammes teilt sich in die Zweiheit der Astarme, und die Zwei in die Vier. Das ist wesentlich und formvollendet für das Urbild des Baums. Seine Wurzeln sind unsichtbar, eingebettet in eine orangefarbene hügelige Landschaft und eng verbunden mit dem zyklischen Werden und Vergehen (Unendlichkeit, Lemniskate). Links ein dunkler Stein, aus dem die Landschaft „heraus fließt“ und ihre Erhöhung im Berg findet.  Ein Himmel, eine Sonne und ein See in der Farbe des Himmels.

- Archetyp BAUM: Lebensbaum, Entwicklung und Wachstum in der Zeit. Der „Baum des Lebens“. Der Stammbaum, Hinweis auf Abstammung und Herkunft. Verwoben mit dem Archetyp Kind (das neue Leben entspringt dem Bauch der Mutter), dem Archetyp Mutter (Baum gebiert und trägt die Sonne), der Sonne (die Sonne entspringt dem Baum), des Selbst, des Vaters, des Todes (Särge aus Holz, (Baumbestattungen).

- Archetyp VATER: Das Zeugende, Männliche, der Baumstamm als zeugender Phallus, lebendige aktive Sexualität, die aus der Tiefe wächst. Das Schöpferische. Verbunden mit den Archetypen Sonne, Selbst, Baum.

- Archetyp MUTTER: Ahnfrau, Göttin, die Erde, das Wasser des Lebens. Geburts- und Zeugungsstätten: Berg, Land, Baum, Quelle. Das Hegende, Tragende, Nährende. Stätte der magischen Verwandlung und Wiedergeburt: Die liegende, schwangere Erd- oder Fruchtbarkeitsgöttin mit dem schwarzen Gesicht (Stein) als hügelige Landschaft in Orange. Geburt des Baums aus ihrem Nabel / Bauch / Solarplexus und aus der Lemniskate, dem Symbol der Unendlichkeit und der zyklischen Erneuerung.  Stammbaum, Ab-Stammung. Verbunden mit den Archetypen Sonne (lichtvolles Orange der Landschaft), Quelle, Baum, Berg, Selbst.

- Archetyp SELBST: Alle anderen Archetypen integrierend oder umfassend: Der Baum, seine zentrale Stellung im Raum. Die Sonne, das Licht. Der Baum empfängt, hält und umfasst mit beiden Armen den roten Sonnenball, Symbol des Ganzen. Die Dreiheit Sonne-Baum-Lemniskate (Licht-Selbst-Unendlichkeit) bildet eine diagonale Linie.

- Archetyp TOD: Die Lemniskate. Die liegende Acht trägt auch die Botschaft von  Achtung und Achtsamkeit. Achtung! Unendlichkeit! Acht heißt Untergang & Tod, Aufstieg & Wiedergeburt. ACHT geben! Hinweis auf zyklisches Werden und Vergehen, Wandlung, Übergang. Ende einer alten Entwicklung, Beginn einer neuen. Der Tod ist weiblich, sanft, zart, verwoben mit der dunklen Mutterfigur, die gebiert und wieder verschlingt.

- Archetyp SONNE: der Tag, das Licht, das Schöpferische. Verwoben mit den Archetypen Baum, Selbst,  Vater und durch die Farbe Orange auch mit dem der Mutter.

Während des Malprozesses sind mir diese Zusammenhänge nicht bewusst oder sie werden ahnend erspürt. Jetzt, siebzehn Jahre nach dem Malen des Baum-Bildes, spüre ich die Lebenskraft in meinem Bauch als psychische Schwangerschaft, als dunkles Mysterium, als unendlich tief reichende Verwurzelung in einem Gewebe, das wir ewiges Leben nennen können, das sich aber in Wahrheit jeder Definition entzieht.

Auf einer Ausstellung mit diesem Bild sprach mich eine Kunstinteressentin an, die gerade von Chartres zurückgekehrt war. Sie zeigte mir auf meinem Bild die liegende schwarze Madonna mit dem schwarzen Gesicht (von mir als ein Stein gemalt), den langen roten Haaren und den Hügelformen ihres schwangeren Leibes. Und nun erhielten der Nabelpunkt als Geburtsort des Baumes und damit auch das ganze Bild eine tiefere Bedeutung für mich! Ich erfuhr auch, dass die Kathedrale von Chartres über einer uralten Kultstätte der schwarzen Madonna errichtet worden war. Die Archetypen führen uns zu einer tief im Dunkeln liegenden Weisheit (sophia), die in allen von uns lebendig ist und aktiviert werden kann – zum Beispiel durch die Kunst und das tiefe Einlassen auf kreative Prozesse.



Wondjina, 1993 (Eitempera und Öl)

(C) Sundra Kanigowski